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Kurze Biografie von Florian Burkhardt

Mein Bruder stirbt bei einem Autounfall. Ich werde gezeugt, um die Lücke zu füllen. Nach einer strengen, religiösen Erziehung ziehe ich aus, um die Welt zu erobern. Ich lande als Schauspieler in Hollywood, dann werde ich erfolgreiches Fotomodell. Ich veranstalte legendäre Parties zu einer Zeit, wo alles lauter, grösser und spezieller sein soll. Ich definiere mich immer wieder neu. Und werde aus den Höhen heruntergerissen von der Vergangenheit, der Familiengeschichte. Die mich gefangen macht von Ängsten, die ich schlussendlich in der Psychiatrie bekämpfen muss.

Ursprung meines Lebens ist der Unfalltod meines Bruders (1973) und meine darauf folgende Zeugung (* 1974, Basel). Aufgezogen in einer stark kontrollierenden, religiösen Fürsorge, später dann fünf Jahre in einem katholischen Jungeninternat, das mich gegen meinen Wunsch, aber auf Drängen meiner Eltern zum Grundschullehrer ausbildet. Nebenbei begeistere ich mich stark für den neuen Sport Snowboarden. Ich gründe das erste Snowboard-Magazin (1993), bin mehrfach gesponserter Fahrer und werde von der Presse zur Stimme „dieser neuen Wilden“ erkoren. Nach dem Lehrerdiplom (1995) verbringe ich zuerst ein halbes Jahr im Schnee, bis ich genug vom "Gewicht der Berge" habe und mich die Ferne lockt.

Ich ziehe aus beengten Verhältnissen in die weite Welt hinaus (1996), auf der Suche nach Integrität, nach einem Leben, das mir entspricht und nicht meinem Umfeld. Ich suche Herausforderungen und weiche bindenden Situationen aus. Liebe, Zuneigung und Abhängigkeit habe ich als etwas Beengendes in Erinnerung. Die Bewunderung für den Schauspieler River Phoenix als in meinen Augen integre Persönlichkeit einer neuen Generation bringt mich auf die Idee, nach Los Angeles auszuwandern, einem Ort, wo nichts zu sein scheint, wie ich es kenne, einem Ort, wo alles möglich ist. Ich bin überzeugt, dass alles realisierbar ist, wenn man daran glaubt. Ich tauche ein in das Showbusiness, das spannend und verspielt ist. Eine Welt, die mich aufnimmt und sich für mich interessiert. Ich unterschreibe einen Vertrag beim renommierten Schauspielagenten Gregory D. Mayo und bekomme erfahrene Coaches (Ivana Chubbuck und Robert Easton) zur Seite gestellt. Nebenbei erhalte ich über eine Modelagentur Aufträge. Das Modeln wird schnell so erfolgreich, dass ich nach Milano und später nach New York ziehe, diverse Verträge mit Modelagenturen unterzeichne (u.a. Wilhelmina, Boss und Why Not) und die Schauspielerei hinter mir lasse. Ich arbeite für Labels wie Prada, Gucci, Moschino sowie Dolce & Gabbana und Fotografen wie David LaChapelle und Albert Watson. Weg von der Heimat lerne ich Menschen kennen, die mich so unterstützen und begleiten, wie ich es mir von meiner Familie gewünscht hätte. Im Schauspielagenten und einem der Modelagenten (Urs Althaus) finde ich zwei Vaterfiguren, in einem Bekannten eine Mutterfigur, die mich privat unterstützen. So habe ich mir eine künstliche Familie zusammengestellt, die meinem Ideal einer Familie nahe kommt, die mich fördert in dem, was mir wichtig ist und mich zu nichts zwingen will. Die erste ernsthafte Liebe stellt sich witzigerweise bei einem Besuch bei Freunden in der Heimat ein. Berauscht breche ich meine gut laufende internationale Karriere ab und tausche die Freiheit der ganzen Welt gegen das Zuhausesein in einer kleinen Wohnung mit meinem Geliebten im heimatlichen Zürich ein. Ich packe die zwei Reisetaschen aus, die während den letzten Jahren mein Leben begleitet haben, nicht ahnend, dass die Beziehung nicht lange halten wird.

Ich erinnere mich an meinen Wunsch als Jugendlicher, die Kunstgewerbeschule zu absolvieren. Ich beginne ein Studium zum Multimedia Designer (1999) an der damals ersten entsprechenden Schule und arbeite nebenbei in einer Werbeagentur. Nach dem Abschluss finde ich eine Anstellung bei der bekanntesten Internetagentur und arbeite dort als Konzepter. Der Besitzer der Agentur fördert meine Ideen und ermöglicht mir, eine eigene Abteilung anderen Namens aufzubauen, die neuartige Inhalte fürs Internet entwickelt, wie z.B. einem Videoportal. So werde ich zum kreativen Geschäftsmann, der Tag und Nacht arbeitet und sein Unternehmen wie ein Monarch führt. Doch obwohl ich emotionell weit weg von meinem Ursprung bin und eigentlich nie an die biologische Familie denke und kaum Kontakt zu ihr habe, holt mich ihre Geschichte ein. So begründen die Psychiater später meine irrationalen Ängste, die plötzlich da sind und mich in der scheinbar sicheren Wohnung monatelang gefangen halten. Als ich es auch da nicht mehr aushalte, lasse ich mich von einem Krankenwagen in die psychiatrische Klinik fahren (2001).

In der Klinik muss ich mich mit meiner Kindheit und Jugend befassen und mich für das Kämpfen entscheiden. Ich muss lernen, meine Ängste zu konfrontieren, den Lift zu benutzen, rauszugehen, zur Busstation zu laufen, irgendwann sogar einen Bus zu besteigen und die jeweilige Todespanik auszuhalten, um danach erschöpft und nassgeschwitzt ins Bett zu fallen. Neben den verschiedenen Therapien sind zwei Privatpersonen ausschlaggebend, dass ich nach vier Monaten die Klinik verlassen kann, um ins selbsterwählte Exil Bern zu ziehen, mit dem Vorhaben, dort Kraft zu sammeln und die Therapien weiterzuführen. In Bern schreibe ich ein Buch über meinen Alltag und meine Empfindungen, wobei das Schreiben das Ziel ist, nicht das Produkt. Weiter gibt es erste Arbeitsversuche in Werbeagenturen, die jedoch scheitern, weil meine Ängste omnipräsent sind, auch wenn ich inzwischen privat wieder einigermassen funktioniere. Nach einem Jahr habe ich das ruhige Exil satt und ziehe zurück nach Zürich (2003).

In Zürich plane ich meine 30. Geburtstagsfeier als einen kleinen, öffentlichen Anlass. Ich nenne ihn „electroboy“, da nur elektronische Musik gespielt werden soll und das Zielpublikum schwul ist. Wegen dem guten Feedback wird aus „electroboy“ eine Partyreihe, die mich herausfordert. Mein Ehrgeiz führt dazu, dass ich jede Party noch spezieller und aufwändiger gestalte. Begleitend gründe ich die Zeitung für elektronische Musik in der Schweiz, das Portal kommerz.ch und die Swiss Electronic Music Awards. Als die fünfte Party zur Party des Jahres der Schweiz gewählt wird und mir das Ganze zu kommerziell geworden ist, beschliesse ich neue Wege zu gehen. Ich produziere unter dem gleichen Namen eigene Musik. Sie soll authentisch sein, sich abheben, verarschen und roh sein. Ich nenne sie „postdadaistischer Trashismus“. Entsprechend findet die erste CD-Taufe im Dada-Haus „Cabaret Voltaire“ statt. Ein Majorlabel findet, dass man „electroboy“ gut vermarkten kann, veröffentlicht mein schnell produziertes zweites Album und verlangt Live-Shows. Die aus dem Boden gestampfte Club-Tour beginnt im grössten Club der Schweiz. Auf der Bühne ein wild zusammengewürfeltes Showteam, ich wegen meiner Angststörung zuhinterst hinter dem Laptop. Nach der Schweiz-Tour veröffentliche ich noch ein Album und lasse ein zweites kostenlos verteilen, packe meine alten Koffer und ziehe nach Berlin (2006), weil ich die Schweiz wieder verlassen möchte. Die Flexibilität Berlins gefällt mir und das Leben ist dort viel günstiger.

2008 werde ich aufgrund eines Artikels in einem deutschen Magazin angefragt, ob ich interessiert sei, mein Leben verfilmen zu lassen. Zuerst soll es ein Spielfilm sein, dann wird daraus ein Dokumentarfilm-Projekt für das Kino. Die Entstehung des Filmprojekts „electroboy“ dauert sieben Jahre, wechselt zweimal die Produktionsfirma und involviert mich vor der Kamera, aber nicht in Konzept und Umsetzung (siehe auch Der Film und ich). 2009 eröffne ich mit meinem damaligen Ehemann für einige Monate das „Cabaret Voltaire“ in Berlin. Das sind Räumlichkeiten mit Café, Bühne, Markt, Ausstellungen, Vorführungen, Radiostudio mit Vollzeitprogramm, Bibliothek und Shop. Ab 2013 bin ich als bildnerischer Gestalter aktiv. Ich produziere auch eigene Kleidung in Kleinstauflagen und schreibe seit 2014 Kolumnen und Essays für diverse Publikationen in der Schweiz. 

Florian Burkhardt, Berlin 2016

© 2014 Florian Burkhardt