Director's Note

Warum dieser Film? Um Antworten zu finden auf die Frage, wer hinter der schillernden Fassade dieses schwer fassbaren Multitalents und Glamourboys steckt. Wer ist Florian Burkhardt? Hasardeur, Künstler oder Hochstapler? Phoenix oder gefallener Ikarus? Die filmische Reise mit Florian führte an einen völlig anderen Ort, als erwartet.

„electroboy“ ist mein erster Dokumentarfilm und auch der erste fremde Stoff, der an mich herangetragen wurde und den ich zu meinem eigenen machen musste. 2008 wurde ich angefragt, ob ich die Regie übernehmen möchte für einen Spielfilm über das Leben von Florian Burkhardt alias electroboy. Ich hatte abgelehnt. 2010 erneut eine Anfrage einer anderen Produzentin, Anne-Catherine Lang. Dieses Mal ging es um einen Dokumentarfilm über Florian. Dies leuchtete mir mehr ein. Und ich war neugierig geworden, da zwei Produzenten unabhängig voneinander an mich gedacht hatten als Regisseur für den Stoff. Aber ich wollte zuerst Florian selber treffen, bevor ich zusagte.

Bei der Lektüre der „Akte Burkhardt“ entstanden viele Fragezeichen: Was ist Dichtung, was ist Wahrheit? Die immer wieder neuen Erscheinungsformen seiner Person erschienen mir zu hochtönend, als dass ich alles sofort glauben konnte: Schauspielstudium in Los Angeles. Topmodel für Gucci, Prada, David LaChappelle zwischen Mailand, Paris, London und New York. Internetpionier mit Aufträgen bedeutender Großfirmen wie Sunrise, Migros, Bank Leu. Erfolgreicher Partyevent-Veranstalter als „electroboy“. Freiwilliger Patient in der psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich. Weitere an- und abgebrochene Karrieren fanden am Ende im Film gar keinen Platz: Snowboardpionier und -Promoter in der Schweiz. Komponist und Interpret elektronischer Musik bei einem namhaften Schweizer Plattenlabel.- Und das alles in weniger als zwölf Jahren? - Mit 32 zog Florian sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Heute ist er 40 und bezieht seit acht Jahren eine Invalidenrente. Er ist auf Medikamente angewiesen und hat Probleme, seine Wohnung zu verlassen.

Vielleicht bin ich nicht nur aufgrund meiner Skepsis nicht sofort auf den Stoff angesprungen, sondern auch weil mich Glamour- und trendige Zeitgeistthemen im allgemeinen nicht besonders anziehen. Doch diese ständig wechselnden hippen Erscheinungsformen von Florian repräsentieren nur die äußere Hülle seiner Geschichte. Dies wurde mir klar, als ich seine psychiatrische Diagnose gelesen hatte: „Generalisierte Angststörung bei narzisstischer Persönlichkeitsstruktur mit Selbstwert- und Identitätsproblematik mit Anteilen einer sozialen Phobie.“ Hier lag für mich die eigentliche Story. Reizworte und Themen, die mich schon immer interessiert hatten. Moderne, aktuell höchst relevante gesellschaftliche Themen, die über Florian als Einzelfall hinausweisen.

Zwei Jahre lang habe ich mit Hilfe des Historikers Philipp Hofstetter recherchiert. Florian Burkhardts Lebenslauf, die Familiengeschichte, die verschiedenen Themen, die Florian repräsentiert hat, deren Zeitkontext. Wir haben unzählige Vorgespräche geführt mit Florian selber, seiner Familie und mit möglichen Protagonisten. Ich hatte wohl Angst davor, auf anderem Weg nicht die Kontrolle über den Stoff gewinnen zu können. Bei Drehbeginn verfügte ich über ein elaboriertes Konzept, ein Faktendossier, ein Drehbuch, so wie ich es vom Spielfilm her gewohnt bin. Aber nach Beginn der Dreharbeiten musste ich schnell erkennen, dass das Leben selbst das Drehbuch schreibt, und dass ich mich als Dokumentarist dem unterzuordnen habe.

Ich denke “electroboy” ist vielfältig lesbar. Mir selber ist erst nach Beendigung des Films richtig klar geworden, um was es für mich wesentlich geht. Je mehr man versucht, seiner eigenen Vergangenheit zu entkommen, umso heftiger und schmerzvoller wird sie einen irgendwann einholen. Diese einfache Grundwahrheit scheint in Variationen das zentrale Thema der Familie Burkhardt zu sein und Florian hat es als Kronerbe darin zur Meisterschaft getrieben. Er hat verschiedene Identitäten wie Anzüge anprobiert, aber keiner wollte ihm richtig passen, bis ihm am Ende nichts anderes übrig blieb, als sich nackt im Spiegel zu betrachten.

Marcel Gisler, 2014

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Mein erster Dokumentarfilm. Und, mir kommt das so vor, auch mein persönlichster Film, weil ich mich voll und ganz als Mensch einbringen musste. Es gab keine Schlupflöcher zum Verstecken oder Möglichkeiten der Maskerade mittels der Fiktion wie beim Spielfilm. Auch das Thema hat sehr viel mit mir persönlich zu tun.

Marcel Gisler, 2015